Aggression in Gruppen vs. Individuelle Aggression

 
Neben der angeborenen Natur ist die Kultur der zweite große Einfluss auf unser Verhalten. Dabei bezeichne ich im Folgenden alles was nicht zur Natur zählt und angeboren ist als Kultur.
 
Dass Aggressionen ein Grundfeature des Menschen sind mag man auch daran ablesen, dass ein großer Teil der Gesetze und Regelungen, die Kulturschaffende Menschen erfunden haben, sich damit beschäftigen der menschlichen Aggression einen Riegel vor zu schieben. Im Sachsenspiegel, eine Rechtssammlung aus dem 13. Jahrhundert findet sich Straf- und Zivilrecht. Und wenn man noch weiter zurück geht kann man auch die 10 Gebote als frühen Rechtserlass sehen. Und schon bei diesen 10 simplen Sätzen befindet sich „du sollst nicht töten“. Mit Sicherheit wurde dieser Satz nicht in die 10 Gebote geschrieben weil Mord niemals vorgekommen ist. Ein weiterer Satz im alten Testament ist das berühmte „Auge um Auge – Zahn um Zahn“. Aus heutiger Sicht mögen einem diese Worte unglaublich rachsüchtig und archaisch erscheinen. Wird hier doch vermeintlich dazu aufgefordert Rache zu nehmen. Wenn dir jemand Gewalt antut, so zahle es ihm mit gleicher Münze zurück.
 
Aus damaliger Perspektive war diese Formulierung allerdings ein deutlicher zivilisatorischer Fortschritt. Anders formuliert könnte man auch sagen: „Wenn dir jemand einen Zahn ausschlägt, darfst du ihm auch nur den Zahn ausschlagen. Nicht mehr.“ In den damaligen Gesellschaften war es nämlich durchaus üblich Gewalt mit dem 10fachen heim zu zahlen. Dadurch wurden ganze Familien ausgelöscht.
 
Ich stelle die These auf, dass Regelungen nur erlassen wurden, weil sie notwendig erschienen. Hätte es keine Probleme mit ausufernden Formen von Aggression und Gewalt gegeben, hätten diese Sätze wohl niemals ihren Weg in die Geschichte gefunden.
 
Machen wir wieder den Schritt ins Mittelalter. Niemand wird wohl behaupten, dass Mittelalter wäre Gewaltarm gewesen. Allerdings gibt es auch schon hier versuche Aggressionen und Gewalt zu kanalisieren. Als erstes Beispiel nenne ich hier den sogenannten Buhurt. Der Buhurt war ein gesellschaftliches Event häufig im Rahmen von Ritterturnieren. Hier standen sich große Gruppen von Kämpfern in einer Art Arena gegenüber. Ziel des ganzes war es dabei aber nicht die gegnerische Mannschaft zu töten, sondern kampfunfähig zu machen oder so in die Ecke zu drängen, dass man sie gänzlich eingekesselt hat. Das ganze galt anfangs als Kriegsmanöver, hat sich aber relativ schnell zu einer Art Sport entwickelt. Arten eines solchen Buhurts haben sich bis in die Renaissance in sogenannten Bürgerturnieren gerettet. In Venedig und den Niederlanden gab es und gibt es noch heute sogenannte Schifferstechen bei denen sich die gegnerischen Mannschaften versuchen mit Lanzen vom Boot ins Wasser zu stoßen.
 
Ich könnte hier noch viele weitere Beispiele für Formen ritualisierter Gruppengewalt bringen. Aber ich denke der Punkt sollte klar geworden sein. Es gibt ein menschliches Grundbedürfnis sich in Gruppen auf die Mütze zu hauen, welches die Jahrhunderte überlebt. Da das Risiko relativ groß ist wenn man unkontrolliert und ohne Regeln dem eigenen Aggressionsbedürfnis nachgibt und in Gruppen Gewalt ausübt, hat der Kultur schaffende Mensch genau dafür Ventile entwickelt. 
 
Viele dieser Ventile gelten in der heutigen Gesellschaft aber entweder als primitiv, oder aber sind den Sporteliten vorbehalten, da Breitensport immer weniger gefördert wird als Elitensport. So ist die Zahl der Menschen, die bequem vom heimischen Sofa aus einen Boxkampf anschauen um ein Vielfaches größer, als die Zahl der Mitglieder in Boxclubs. Wir können also eine Art Stellvertreter-Gewalt beobachten. Was meiner Meinung nach die Konsequenzen davon sind werde ich im dritten Teil des Blogs näher beleuchten.
 
Natürlich gab und gibt es nicht nur die Gruppenaggression, sondern selbstverständlich auch ein individuelles Aggressionspotential. Da sich dieses allerdings sehr von der kollektiven Aggression unterscheidet und sich auch von Mensch zu Mensch sehr stark unterscheidet, will ich darauf nur ganz kurz eingehen. Es gibt Psychologen die die These verbreiten, dass es letzten Endes nur 2 Triebe gibt. Den der Selbsterhaltung und den der Arterhaltung. Wobei der Trieb der Selbsterhaltung bei gesunden Menschen immer stärker entwickelt ist, als der zur Arterhaltung. Das ändert sich immer nur in Zeiten großer Katastrophen in denen Menschen unter Umständen das Selbst der Art hinten anstellen. Während kollektive Aggressionen eher den Trieb der Arterhaltung ansprechen, wird die individuelle Aggression eher der Selbsterhaltung gerecht. Normalerweise richtet sich die individuelle Gewalt nach außen, kann sich in einigen Fällen aber auch nach innen richten. Individuelle Aggression bricht sich wesentlich seltener Bahnen als kollektive. Auch hier gibt es ritualisierte Formen. Schlagende Verbindungen, die sich mit Säbeln hoch ritualisiert Verletzungen gegenseitig zufügen, Boxer, oder die Beziehung zwischen DOM und sub in einem BDSM Verhältnis sollen hier nur einige kurze Beispiele sein wie sich individuelle Gewalt zeigen kann.
 
Mir ist es wichtig an dieser Stelle zu sagen, dass ich keines der von mir genannten Beispiele individueller oder kollektiver Gewalt als richtig oder falsch darstellen möchte. Moral und Wertungen sind immer von der jeweiligen Gesellschaft gemacht und relativ willkürliche Erfindungen. Wer die Gesetze und Gesellschaftsformen in unterschiedlichen Teilen der Welt vergleicht wird relativ schnell feststellen, dass es tausende von unterschieden gibt. Etwas, dass in der einen Gesellschaft absolut akzeptiert, und sogar gewünscht ist, wird in einer anderen vielleicht schon als Tabubruch gesehen.
 
Auch eine Beurteilung dieser Gesellschaftsformen in rückständiger, oder weiter entwickelt steht mir nicht zu und werde ich hier nicht vornehmen. Wenn solche Einstufungen vorgenommen werden ist nämlich fast immer die Beobachtung vorzunehmen, dass die eigene Lebensweise als die fortschrittliche und die andere, fremdere als Rückständig angesehen wird.
 
Auch hier zeigt sich mal wieder, wie tief Xenophobie in unserem Anlagen verankert ist.
 
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