Von einem der auszog den polGF zu lernen

Meine Amtszeit als Politischer Geschäftsführer für den Landesverband NRW neigt sich dem Ende zu und – meine Güte – was für ein Ritt.
Es sind viele Freundschaften entstanden – ich musste mit Gates und Skandalen umgehen, es gab Anfeindungen und Shitstorms – wir haben uns zu Klausuren und Schulungen zurückgezogen, haben in Mumble und an Stammtischen diskutiert – Vorstandssitzungen, Parteitage – und nicht zu letzt drei Wahlkämpfe geführt und überstanden.
Es war wirklich ein spannendes Jahr in dem ich vieles lernen durfte, viele Menschen kennen gelernt habe, viel in NRW rum gekommen bin und ja, auch an meine persönlichen Grenzen gestoßen bin.
Vor ca. 18 Monaten wurde ich in Bottrop zum polGF gewählt. Ein Amt, das vorher nicht wirklich besetzt war, wodurch es erst mal keine Amtsübergabe gegeben hat. Dank der großartigen Hilfe von Stephy und DanielSan war eine Einarbeitung in die technischen Details aber ziemlich leicht und wir konnten sehr schnell mit der Arbeit anfangen. Über viele Dinge, die mir bei Amtseintritt als Probleme erschienen, muss ich heute schmunzeln. Visitenkarten zum Beispiel (nicht wahr, pakki? ;-))
Meinen ersten Auftritt als polGF hatte ich bei einer Veranstaltung in Gelsenkirchen, wo ich zum Stammtisch eingeladen war. Dort war es glücklicherweise so, wie bei meinen vielen anderen Besuchen bei Piraten, die noch folgten. Ich wurde sehr höflich und freundschaftlich aufgenommen. 
Dadurch, dass ich keinen wirklichen Amtsvorgänger hatte, und das Amt des Politischen Geschäftsführers bei den Piraten auch nicht wirklich definiert ist, konnte ich mich gleich an die Arbeit machen, meine Aufgabenbereiche zu definieren und mich in die Arbeit zu stürzen. Und was hab ich mir da so definiert? Verknüpfung der Kommunen, parteiinterne Bildung, parteiinterne Kommunikation, Förderung der AKs. Nicht alles davon konnte ich in meiner Amtszeit so ausfüllen, wie ich es mir vorgestellt und auch gewünscht hätte aber doch einiges. Was im Laufe der Zeit noch dazu kam, war die Funktion des Gatekeepers. Ich hatte immer ein offenes Ohr für die Stimmungen in der Basis, und wann immer es etwas gab, was die Gemüter erhitzte, habe ich mich bemüht, die Kommunikation aufzunehmen, zu erklären und zu vermitteln. Die Tatsache, dass wir als Vorstand in dieser Amtszeit keinen Shitstorm aufhalten mussten, spricht vielleicht auch dafür, dass ich das nicht immer ganz schlecht gemacht habe.
Warum ich die anderen Dinge nicht immer so gut gemacht habe, wie ich wollte? Nun, zum einen waren da die Wahlkämpfe, die unglaublich viel Zeit gefressen haben. Interviews, Veranstaltungen, Pressegespräche und Demos wollten organisiert und unterstützt werden. Genau in dieser Zeit wurden wir auch von den Snowden-Enthüllungen überrollt, was auch einiges an Prioritätenverschiebungen mit sich gebracht hat. Allerdings hatte das Organisieren von Demos und die Verknüpfung mit Interessensgruppen auch einen großen Vorteil. Inzwischen sind wir mit den unterschiedlichsten NGOs in NRW gut verknüpft. Seien es Anons, Occupy, Monsanto-Gegner, Tierschützer, CO-Pipeline-Gegner, Hundefreunde, Mehr Demokratie oder die Sea-Sheppards. In all diesen NGOs haben wir inzwischen Freunde und Mitstreiter gefunden. Dabei ist es uns gelungen, auf Demos und Auftritten immer als Piraten wahrgenommen zu werden. Mir war es immer wichtig klar zu machen: Wir arbeiten wirklich gerne mit Antifa, Anons oder dem Tierschutzbund zusammen und unterstützen uns gegenseitig. Es ist aber immer eine Kooperation und keine Inkorporation. Die Zusammenarbeit war immer von gegenseitigem Interesse und Respekt geprägt und ich bin mir sicher, das ist eine Sache, an der wir noch oft anknüpfen werden.
Neben diesen thematischen Kooperationen gab es aber auch viel Organisatorisches zu tun. Für die vielen kommunalen Mandatsträger werden gerade im Hintergrund Entwürfe für gemeinsame ITLösungen gebaut. Der Länder-Finanz-Ausgleich hat einiges an Unruhe gebracht, die auch immer noch nicht endgültig geklärt ist. Gerade am Anfang unserer Amtszeit mussten diverse Anträge auf OMs abgearbeitet werden, die in der Vergangenheit liegen geblieben waren. Streit musste geschlichtet werden – und gerade nach der Schlappe bei der Bundestagswahl mussten auch viele Mitglieder getröstet werden.
Und dann kamen OM-Gate, Bomber-Gate, Molli-Gate. Wow. Viele Ereignisse haben sich da überschlagen. In der Hochphase haben pakki und ich quasi ständig mit anderen LVs, den BuVo Mitgliedern, austretenden Mitgliedern und Pressevertretern gesprochen. Ein paar Wochen lang bedeutete das: kein freies Wochenende und maximal 3 bis 4 Stunden Schlaf pro Nacht. Bei der Austrittswelle habe ich viele Mitglieder angerufen, mir die Sorgen angehört, Hilfe angeboten und den ein oder anderen auch dazu bewegen können, Geduld zu beweisen und eben nicht auszutreten. Dabei war immer wieder eines der Grundtenor: Ja, die Aktionen waren Scheiße und ja, das hat genervt. Aber das eigentlich Schlimme war doch, dass sich die Mitglieder von ihren Vorständen im Stich gelassen fühlten. Diese Lücke, die da durch den Ex-BuVo gerissen wurde, haben wir vielfach versucht, zu schließen. Im Rahmen dieser Versuche kam dann auch unser viel beachtetes Statement zu BuVo und Bombergate, dem viele andere Landesverbände dann gefolgt sind.
Ich war in dieser Zeit nicht immer sicher, das Richtige zu tun. Wenn man bei den Piraten als Landesvorstand die Stimme erhebt und für den Landesverband spricht, ohne sich vorher das Votum einzuholen, geht man immer ein nicht ganz unerhebliches Risiko ein. Mir ist dann bei jedem LPT eines Landesverbandes, der unser Statement bestätigt hat, ein riesiger Stein vom Herzen gefallen. Und ganz besonders auf dem LPT in Bielefeld. Unser Statement wurde vom Parteitag bestätigt und nicht nur das. Ein gegen uns gestelltes Misstrauensvotum wurde mit einer Stimme gegen uns und allen anderen Stimmen für uns abgelehnt. Eine solche Zustimmung für einen Landesvorstand habe ich bei der Piratenpartei noch nie erlebt und das hat mir unglaublich viel Kraft für meine Arbeit gegeben. Generell muss ich sagen, dass die Basis in NRW uns unsere Arbeit wirklich erleichtert hat. Es gab immer wieder tolle Ideen und viele, viele Piraten haben sich immer wieder in Wahlkämpfe gestürzt. Selbst wenn wir zwischendurch mal Fehler gemacht haben, und natürlich haben wir auch Fehler gemacht, wurden uns die immer verziehen, die Kritik kam weitgehend sachlich und nie verletzend. Die Piraten in NRW, der mit weitem Abstand mitgliederstärkste Landesverband, leisten wirklich tolle Arbeit. Und die Arbeit wird in nächster Zeit nicht weniger werden. Nach der tollen Arbeit in den Wahlkämpfen geht es die nächsten Jahre darum, unsere ca. 150 Mandatsträger zu stützen. In thematischen AKs, direkt vor Ort, oder auch durch Unterstützung in Öffentlichkeitsarbeit, Verwaltung und IT. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass wir das gemeinsam rocken werden.
Apropos Kraft. Die ist mir dann doch irgendwann ausgegangen. Vor einigen Wochen bin ich mit Herzrhythmusstörungen und Schlafstörungen erst mal für einige Zeit außer Betrieb genommen worden. Das hat mir klar gemacht, dass so ein Engagement auch Grenzen haben muss. Mit meiner Arbeit im Landtag zusammen habe ich einige Monate lang jede Woche 70-80 Stunden für Piraten gearbeitet. Gekoppelt mit einer 24/7 Erreichbarkeit. Das kann natürlich niemand auf Dauer leisten. Und sollte auch niemand leisten müssen. Das lies mich dann zu dem Schluss kommen, dass die Arbeit anders organisiert werden muss. Seit diesem Ausfall bin ich dabei und komme auch ganz gut damit zurecht. Auch wenn das bedeutet, dass ich ganz klar Prioritäten setzen musste und nicht mehr alles bearbeiten konnte. Für eine mögliche nächste Amtszeit heißt das aber auch, dass ich der Meinung bin, dass jeder in diesem Vorstand eine helfende Hand aus der Basis braucht. Diese „helfende Hand aus der Basis“ sollte dem Vorstand zur Seite stehen und sein „externes Gedächtnis“ sein. Ohne geht es einfach nicht.
Schließen möchte ich mit etwas, worum ich gebeten wurde. Nämlich einer Art Kollegen-Feedback. Sowas ist immer unangenehm, deswegen will ich es kurz und schmerzlos halten.
Pakki (1V): Mit pakki hatte ich in diesem Vorstand nicht nur einen 1. Vorsitzenden, sondern einen Freund. Einen Freund mit dem ich auch über private Dinge sprechen konnte, was sehr wichtig ist, wenn man so eng zusammenarbeitet. Pakki hat in dieser Amtszeit immer wieder Erstaunliches geleistet. Er hat Menschen motiviert, angespornt, Dinge in Gang gebracht und Projekte angestoßen. Das war dann gleichzeitig leider auch manchmal ein kleines Problemchen. Viele Projekte wurden angestoßen, haben es dann aber nicht immer zur Vollendung geschafft, weil in diesen vielen Dingen manchmal dann doch der Überblick fehlte. Nichts desto trotz hat pakki einen tollen Job gemacht und ich würde mich freuen, wenn er den in der nächsten Amtszeit nochmal machen würde. Pakkibär, du rockst 😉
Christian(2V): Leider hat Christian bereits bekannt gegeben, dass er für eine weitere Amtszeit nicht mehr zur Verfügung steht. Ich bedauere das. Zwischendurch hatten wir zwei zwar mal das Problem, dass jeder für sich gearbeitet hat, aber keiner wusste was der andere so genau machte ;-). Aber es gibt wohl niemanden in diesem Vorstand, der so gut in die Ereignisse in den KVs und vKVs vernetzt ist, wie Christian. Eine Fähigkeit, die einem kommenden Vorstand extrem fehlen wird. Darüber hinaus schätze ich Christian sehr für seine Gabe mit messerscharfen Kommentaren Dinge auf den Punkt zu bringen und einen zum Umdenken zu bewegen. Mindestens genauso sehr, wie dafür, wenn er mal anderer Meingung als die Mehrheit des Vorstandes ist, diese Beschlüsse zu akzeptieren und danach zu arbeiten. Christian, es war eine tolle Zeit mit dir.
DanielSan (2V): Der Herrscher des Trackers, Meister des Schiedsgerichts und Herr über die OMs. Meine Güte, was hätten wir bloß ohne Daniels Einsatz in diesen Bereichen getan. Man muss aber auch anerkennen, dass es unglaublich viel Kraft kostet, wenn man sich die ganze Zeit mit den Streits und Abgründen der Partei befassen muss. Eine Tatsache, die in den letzten Monaten dazu führte, dass DanielSan seine Aufgaben zwar nicht die ganze Zeit, wenn, dann aber 1000%ig machen konnte. Ich hoffe Daniel, dass du bald wieder Kraft für dich findest. Danke für alles was du getan hast in den vergangenen 18 Monaten.
Stephy (Schatzi): Was soll ich da sagen. Ich bin da glaube ich nicht ganz objektiv 😉 Seit einigen Wochen bin ich Patenonkel von Stephys Jüngstem und das sagt eigentlich schon, dass ähnlich wie bei pakki, hier eine tiefe Freundschaft entstanden ist, die weit über die Partei hinaus reicht. Leider war es für Stephy in den letzten Monaten privat nicht immer ganz leicht. Innerhalb einer Amtszeit einen neuen Job anzufangen, ein Baby zu bekommen, sich mit dem Länderfinanzausgleich und den Klagen dagegen auseinandersetzen zu müssen und noch einiges mehr, führen halt dann manchmal dazu, dass die Prioritäten nicht immer bei der Schatzmeisterei liegen. Nichts desto trotz hat Stephy es geschafft, ein tolles und tatkräftiges Team um sich herum aufzubauen, die dafür gesorgt haben, dass auch in der schweren Zeit nichts liegen geblieben ist. Stephy: Ich wünsche dir nichts mehr, als ein wenig Ruhe und Stabilität für die Zukunft. Und ja, ich wünsche mir auch von dir eine weitere Amtszeit 😉
Claudia (GenSek): Von Claudias Arbeit hab ich leider nicht so viel mitbekommen, weil ich mit unserer Mitgliederverwaltung kaum Kontakt habe. Was ich aber sehe, ist dass sie ein Verwaltungsteam an der Seite, das sie unterstützt und gute Arbeit leistet. Die Inventarisierung schreitet voran und eine neue Verwaltungsoberfläche ist in Planung. An der ein oder anderen Stelle hakelt es in meinen Augen noch, aber möglicherweise fehlt mir auch der Einblick.  Leider ist Claudia ein echter Pechvogel was Verletzungen und Krankheiten angeht. Auch das Netz ist nicht immer stabil und in den paar Monaten seit dem letzten LPT ist auch noch ein Umzug dazu gekommen. Liebe Claudia: Pass auf dich auf, brech dir nicht schon wieder die Knochen.
Maja (Beisitzerin): Wow. Die Maja. Noch auf unserem Wahlparteitag hab ich Maja gesagt: „Denk nochmal drüber nach ob das gut für dich ist. Ich weiss nicht ob du dem Druck gewachsen bist.“ Aber was soll ich sagen… Sie ist dem Druck nicht nur gewachsen, sondern auch in ihrem Amt gewachsen. Maja hat in dieser Amtszeit einen beeindruckenden Job gemacht. Den Tracker immer im Blick, den Kollegen auf die Füße getreten wenn sie mal wieder das übersehen haben, in der Verwaltung gearbeitet, 1 Milliarde Mails gelesen und geschrieben und selber auch einige Akzente gesetzt was den Landesverband angeht. Ich unterstütze ausdrücklich Majas Kandidatur zum 2V, weil sie gute Ideen hat und vieles leisten kann. Das einzige Manko ist, dass Maja ein Bündel kochender Emotionen ist 😉 Hinter jeder Kritik könnte ja ein Shitstorm und hinter jeder Mail ein Trollversuch stecken. Liebe Maja: Du machst einen tollen Job und wirst bestimmt eine tolle 2V. Wenn du noch ein wenig Gelassenheit übst, wird dir das aber bestimmt noch leichter fallen.
Sasa (Beisitzerin): Ähnlich wie Christian, hat auch Sasa uns auf der letzten Klausur gesagt, dass sie sich lieber in Richtung Bundespolitik und nicht mehr im LaVor engagieren möchte. Das Verhältnis zwischen Sasa und mir war nicht immer so einfach. Auch im Nachhinein verstehe ich einige Dinge nicht und andere ärgern mich sogar. Leider ist sie meiner Meinung nach nicht immer allem gerecht geworden was sie sich vorgenommen und uns angekündigt hat. Dafür gibt es natürlich Gründe. Seien es familiäre, oder dass sie sich im Parteistreit der letzten Monate eher von uns weg entwickelt hat. Sasa ich hoffe du findest bei der pplattform oder wo auch immer es dich hinziehen mag deine politische Heimat. Auch wenn wir häufig unterschiedlicher Meinung waren und sind mag ich deine Leidenschaft und dein Streben nach deinen Zielen.
Stahlrabe (Beisitzer): Daniel hat völlig neue Ansichten und Denkweisen in diesen Vorstand gebracht. Und das ist gut so. Bei jedem Beschluss will er überzeugt werden und sehr häufig kommt von ihm ein „aaaaaber“ aus dem Hintergrund. Das führt dazu das Dinge länger durchdacht werden und am Ende dann bessere Ergebnisse heraus kommen. Die letzten Monate hat er sich in erster Linie darum gekümmert dass wir eine neue Landesgeschäftsstelle in Düsseldorf finden. Einige interessante Objekte waren dabei. Das richtige leider noch nicht. Ich würd mir wünschen, dass du deine Arbeit im neuen Vorstand fortsetzen willst.
Das ist jetzt ein verdammt langer Blogbeitrag über die letzte Amtszeit geworden. Mit Sicherheit fehlt noch so Einiges, aber alles in allem muss ich sagen, dass es die meiste Zeit wirklich toll war in diesem Vorstand zu arbeiten.
Wie geht es nun weiter? Es gibt einige Brocken die wir noch bewältigen müssen. Zum einen muss die Strukturreform sinnvoll weiter vorran getrieben werden. Die Kommunalen Parlamente müssen weiter verknüpft und organisiert werden. Aber es gibt eine Sache die noch viel wichtiger ist:
Wir müssen aus unseren Löchern und wieder durch politische Initiativen von uns Reden machen. NRW ist ein Land in dem es da noch viele Baustellen gibt. Wir werden standhaft weiter daran arbeiten, dass Fracking niemals nach NRW kommt. Wir werden Transparenz in die kommunalen Parlamente bringen. Wir werden für menschenwürdige Flüchtlingsunterkünfte und dezentrale Unterbringung kämpfen. Open Source Lösungen für Kommunen, flächendeckendes Breitbandnetz, Bürgerenergie, flexible Schulzeitlösungen, Etablierung eines guten Whistleblowerschutzes. Die Liste ist lang. Nach dem aBPT in Halle haben wir jetzt die Möglichkeit in enger Zusammenarbeit mit der Bundespartei diese Liste in Angriff zu nehmen und aktiv zu werden.
Und nun muss ich mich wohl der Frage stellen, ob ich dem Landesverband für eine weitere Amtszeit als politischer Geschäftsführer zur Verfügung stehe. Wenn ich die Liste sehe, die ich da eben aufgestellt habe kann ich ja kaum anders. Ja ich werde in Kleve für eine weitere Amtszeit kandidieren und hoffe, dass ihr mir dort eure Stimme gebt.
bis in Kleve dann
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