Von Rittern und Inquisition – ein #aufschrei

Wenn man der Mär glauben darf, dann war das Mittelalter eine der dunkelsten und schlimmsten Zeiten, die die menschliche Geschichte hervorgebracht hat. Die Inquisition hatte die Menschen fest im Griff, hat entschieden was sündig und tugendhaft ist. Mit eiserner Hand, oder auch brennenden Scheiterhaufen wurde jede abweichende Meinung unterdrückt und und im Keim erstickt. Dabei wurde diese Inquisition durch eine Moral gebende Instanz gestützt und legitimiert. Viele der einfachen Bürger haben sich diese Mechanismen natürlich auch zu eigen gemacht. Schnell war ein unbequemer Handelskonkurrent, ein seltsamer Nachbar oder ein Andersdenkender denunziert und in die Fänge der Inquisition geworfen. Ja natürlich gab es auch viele Fälle in denen die Richter dann entschieden haben, dass die Anklage unberechtigt war, aber das hat den Beschuldigten meist wenig geholfen. Für die Gemeinde waren sie ein für alle mal gebrandmarkt und eine Rückkehr zum alten Leben war meist völlig ausgeschlossen. Allerdings konnte, umgeben von diesem Misthaufen menschlicher Abgründe, auch etwas erblühen was in krassem Gegensatz dazu stand.

Gerade unter der literaturschaffenden, gebildeten Bevölkerungsschicht entstand der Gedanke einer moralischen Welt, die nicht von Angst und Mistrauen geprägt ist. Einer Gesellschaft in der man sich aus freien Stücken einem positiven gerechten Menschenbild anzunähern versucht. Und das micht weil man sonst von einem selbst ernannten Gericht dafür rechtfertigen muss, sondern weil die Welt dadurch zu einem besseren Ort für alle wird. Dieses Bedürfnis nach Gerechtigkeit und einer besseren Welt bahnte sich ihren Weg durch die höfische Literatur. In Werken wie dem Parcival, Erec oder dem Iwein-Epos wurde das ritterliche Ideal gefeiert. Das hohe Bild des Rittertums war geprägt von den ritterlichen Tugenden. Allein schon das Streben nach diesen Tugenden sorgte in der höfischen Literatur dafür die Menschen voran zu bringen. Diese Ideen waren so erstrebenswert und klar, dass sie sich schon bald von der Literatur lösten und ihren Weg in die Gesellschaft fanden. Werte wie Zurückhaltung, Anstand, Würde, Höflichkeit, Demut, Großzügigkeit, Freundlichkeit, Beständigkeit und Tapferkeit haben bis in die Neuzeit nichts von Ihrer Gültigkeit verloren. Die Schwachen zu schützen und anderen zur Seite zu stehen hörte aber nicht bei Freunden auf. Auch Milde gegenüber den Feinden und der Verzicht auf unnötige Gewalt war Teil des Weltbildes.

Aber was hat das Ganze noch mit unserer aufgeklärten und erwachsenen Welt zu tun? Was schwafelt der da von mittelalterlichem Weltbild und Tugenden? Ja warum eigentlich?

Ganz einfach. Ein besinnen auf dieses Werte würde unser Miteinander in den Zeiten von Twitter, Facebook und Shitstorms meiner Meinung nach am ein vielfaches besser machen.

Auch jetzt gibt es wieder eine Art Inquisition. Eine Gruppe von Menschen die sich hinter der Masse eines Hashtags verstecken und immer wieder mit dem Finger auf einzelne zeigen. Es wird denunziert und öffentlich angeprangert. Schnell ist jemand als Opfer ausgewählt und wird mit Hilfe der versammelten #followerpower zerrissen, durchgekaut und wieder ausgespuckt. Meist wissen bloß die ersten einer solchen Hetzjagd, worum es eigentlich geht. Die meisten schliessen sich schnell der allgemeinen Meinung an um nicht selber Ziel eines Shitstorms zu werden. Eine Anfangs möglicherweise berechtigte Meinungsäusserung wird zur Anklage, Twitter zum Pranger und der Tweet zum geworfenen Stein. Und es ist auch sehr einfach. Aus der bequemen Position des Sessels, oder des Schreibtischs heraus muss man sich nicht einmal mehr anstrengen um andere zu Steinigen. Hey, man braucht nicht einmal mehr einen Rechner. Man kann quasi nebenbei beim Einkaufen oder während der Party oder auch in der Badewanne per mobilem Twitter-Endgerät seinen Betrag zur allgemeinen Empörung leisten und jemandem verbal ins Gesicht schlagen. Danach schnell noch ein Spam-Block und derjenige kann sich nicht einmal mehr rechtfertigen.

Jetzt höre ich schon den nächsten #Aufschrei. Wenn wir vor Sexismus, Nationalsozialismus oder einem beliebigen anderen Ismus stehen, müssen wir doch was tun. Dann müssen wir anprangern, anklagen und beschimpfen. Solche Ismen haben sich nicht zu verteidigen. Sie gehören auch nicht verteidigt, weil sich der Verteidiger natürlich mitschuldigt macht.

Aber haben wir wirklich ein Sexismusproblem, ein Kapitalismusproblem? Meiner persönlich Meinung nach haben wir ein Respektproblem. Der Umgang miteinander sowohl von Sexisten, als der Hüter der einzigen Wahrheit die mit #aufschrei und #order66 um sich schmeissen ist am untersten Ende des menschlichen Miteinanders angekommen. Gesellschaftliche Kollateralschäden werden billigend in Kauf genommen. Aus Debatte wird Mobbing und am Ende haben alle beteiligten nur eines geschafft. Sie haben ihre Würde und die der Anderen dermassen mit Dreck beschmissen bis sie kaum noch zu erkennen ist.

Ich für meinen Teil will mein Leben lieber an oben erwähnten Tugenden ausrichten. Seid freigiebig wenn es darum geht anderen zu helfen. Seid höflich selbst zu Menschen die es vermeindlich nicht verdienen. Seid Beständig in euren Zielen. Man erreicht Ziele nicht dadurch sie zu haben, sondern darin sie auch wirklich anzustreben. Behaltet eure Würde und lasst auch euren Mitmenschen die ihrige, denn die Würde ist unantastbar. Sei Treu euren Freunden gegenüber und werft sie nicht über Bord, bloß weil sie mal anderer Meinung sind. Und versucht stets Freundlich zu sein. Niemand kommt an sein Ziel wenn er andere anschreit. Seid Maßvoll, auch in eurer Wut. Wenn ein Mensch jemand anderen auf einen Fehler aufmerksam macht ist es hilfreich. Wenn es hundert Menschen in aller Öffentlichkeit tun ist es Mobbing. Und lasst andere Menschen Leben. Lasst Ihnen die Freiheit sich selbst zu entfalten und ihren eigenen Weg zu wählen. Niemand ist im Besitz der einzigen Wahrheit.

Seid einfach wieder mehr Ritter und weniger Inquisition!

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