Vergangenheit und Zukunft

Olliver Höffinghoff hat bei der Eröffnung seines Büros in Kreuzberg eine Rede gehalten, die viel Protest verursacht hat. Diese Rede war eine Sammlung vieler Zitate aus kommunistischen Reden. Sozusagen ein historisches Potpourri, mit dem er uns sagen wollte: „Seht mal her, alle die, die meinen mir etwas Historisches über Dresden erzählen zu wollen, ich bin gebildeter als ihr. Ihr entdeckt ja nichtmals, dass es historische Zitate sind.“ Inzwischen hat er auch gesagt, dass diese Rede eine Kunstperformance gewesen sei. Ich hab lange darüber nachgedacht wie ich damit umgehen soll.
 
Ich könnte nun eine Rede schwingen voller Versatzstücke aus den Reden wichtiger historischer Persönlichkeiten. Google ist da unser Freund und Zitate schnell gefunden. Nur um den rhetorischen Fehdehandschuh aufzuheben und vermeindliche Fachkenntnis vorzugaukeln. Aber mit historischem Bewusstsein und Bildung hat das nur sehr wenig zu tun.
Es wäre auch verführerisch mit einer Aufrechnung zu beginnen, mit der Frage, wieviele deutsche Zivilisten ein alliierter Soldat wert sind, oder ab wann das systematische Zerstören von Städten und Töten ihrer  Bewohner ethisch vertretbar sein könnte. 
Aber das haben schon viele vor mir getan, und am Ende führt dieser  Diskurs in Bereiche, die kaum jemandem gefallen mögen, einen Bereich, in  dem Menschen zu Zahlen verkommen. 
Viel wichtiger aber, gerade für eine Partei wie die Piraten, ist  eine ganz andere Frage, eine Frage, die sich mit Ideologien,  Selbstverständnis und dem leichtfertigen Umgang mit dem Leben anderer  Menschen beschäftigt. 
 
Dazu möge man mir drei kurze Blicke in die europäische Geschichte erlauben. 
 
 
Beginnen wir mit dem 28. November 1095. Urban II. erklärt folgendes auf einer Synode in Clermont: 
 
„Die Türken, ein persisches Volk, haben sie <die Christen des  Ostens> angegriffen, wie viele von Euch bereits wissen, und sind bis  zu jenem Teil des Mittelmeers, den man den Arm des heiligen Georg nennt,  auf römisches Territorium vorgedrungen. Sie haben immer mehr Länder der  Christen an sich gerissen, haben sie bereits siebenmal in ebenso vielen  Schlachten besiegt, viele getötet oder gefangengenommen, haben Kirchen  zerstört und haben Gottes Königreich verwüstet. Wenn Ihr ihnen  gestattet, noch viel länger weiterzumachen, werden sie Gottes gläubiges  Volk auf weiter Flur unterwerfen. 
Und deshalb ermahne ich, nein, nicht ich, ermahnt Gott Euch als  inständige Herolde Christi mit aufrechter Bitte, Männer jeglichen  Standes, ganz gleich welchen, Ritter wie Fußkämpfer, reiche und arme,  wiederholt aufzufordern, diese wertlose Rasse in unseren Ländern  auszurotten und den christlichen Bewohnern rechtzeitig zu helfen.“ 
 
Die Folgen mögen einigen bekannt sein. Dies war der Beginn der Kreuzzüge. 
Heiden waren wertlos und sie auszurotten war nicht nur nicht  verwerflich, es war eine gute Tat vor Gott. Und nicht nur das: Junge  Adlige ohne Aussicht auf Erbe hatten nun eine Perspektive auf Besitz und  Land. Es war opportun diese Unruhestifter gen Osten zu schicken. 
 
Machen wir einen Sprung von 800 Jahren nach vorn. Am 27. Juli 1900.  Kaiser Wilhelm II. verabschiedet ein deutsches Expeditionskorps, das zur  Niederschlagung des Boxeraufstandes nach China gesandt werden soll: 
 
„Eine große Aufgabe harrt eurer: ihr sollt das schwere Unrecht, das  geschehen ist, sühnen. Die Chinesen haben das Völkerrecht umgeworfen,  sie haben in einer in der Weltgeschichte nicht erhörten Weise der  Heiligkeit des Gesandten, den Pflichten des Gastrechts Hohn gesprochen.  Es ist das um so empörender, als dies Verbrechen begangen worden ist von  einer Nation, die auf ihre uralte Kultur stolz ist. Bewährt die alte  preußische Tüchtigkeit, zeigt euch als Christen im freundlichen Ertragen  von Leiden, möge Ehre und Ruhm euren Fahnen und Waffen folgen, gebt an  Manneszucht und Disziplin aller Welt ein Beispiel. 
Ihr wißt es wohl, ihr sollt fechten gegen einen verschlagenen,  tapferen, gut bewaffneten, grausamen Feind. Kommst ihr vor den Feind, so  wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden  nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor  tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen  gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig  erscheinen läßt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre  durch euch in einer Weise bestätigt werden, daß es niemals wieder ein  Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!“ 
 
Chinesen waren wertlos und sie auszurotten war nicht nur nicht verwerflich, es war eine gute Tat für den Ruf der Deutschen. 
Und nicht nur das: China war ein gigantischer Wirtschaftsmarkt mit  schwacher Regierung. Es war opportun militärisch Präsenz zu zeigen, und  zwar mit aller sich bietenden Härte. 
 
Machen wir einen weiteren Sprung von 40 Jahren, ins Jahr 1937. Am 3.  März hält Josef Stalin ein längeres Referat auf dem Plenum des Zentral Komitee. Das Thema lautet: Über die Mängel der Parteiarbeit und die Maßnahmen zur  Liquidierung der trotzkistischen und sonstigen Doppelzüngler 
 
„Ein paar Worte über die Schädlinge, Diversanten, Spione usw. Jetzt  ist es, glaube ich, für alle klar, daß die heutigen Schädlinge und  Diversanten, unter welcher Flagge sie auch immer segeln mögen, ob unter  trotzkistischer oder unter bucharinscher, schon längst aufgehört haben,  eine politische Strömung in der Arbeiterbewegung zu sein, daß sie sich  in eine prinzipien- und ideenlose Bande berufsmäßiger Schädlinge,  Diversanten, Spione, Mörder verwandelt haben. Es ist klar, daß diese  Herrschaften schonungslos zerschmettert und vernichtet werden müssen,  als Feinde der Arbeiterklasse, als Verräter an unserer Heimat. Das ist  klar und bedarf keiner weiteren Erläuterungen.“ 
 
Trotzkisten waren Schädlinge und sie auszurotten war nicht nur nicht  verwerflich, es war eine gute Tat zum Schutz der Gesellschaft. Und  nicht nur das: Stalin konnte so eine Vielzahl echter und potentieller  Konkurrenten und Kritiker los werden. Es war opportun hunderttausende  durch Schauprozesse, „Säuberungen“ und Exekutionen umzubringen. 
 
Viele Ideologien, ob religiös, rassistisch oder politisch motiviert,  bieten ein Selbstverständnis an. Und in diesem ist man im Recht, man  hat die Erkenntnis darüber, wie die Dinge wirklich funktionieren. Dieses  Selbstverständnis führt dazu, andere im Unrecht zu sehen, für  verblendet, ignorant oder dumm zu halten. Und mit diesem  Selbstverständnis geht auch eine Vorstellung vom Wert eines Menschen  einher. Der Weg ist nicht weit, und das Leben anderer, besonders der  „anderen“ ist weniger wert. Ein leichtfertiger Umgang mit dem Leben  anderer Menschen tritt ein, mit Opferzahlen und Statistiken. 
Ich mag mich irren, aber sind wir nicht angetreten mit dem Ziel, solche Ideologien und Dogmen hinter uns zu lassen? Wir sollten keine Menschen feiern die Leben nehmen. Wir sollten nicht den Wert des Menschen in Zahlen bemessen. Wir sollten bei unserer Politik nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft schauen.
 
Viel lieber sind mit da die Worte eines sehr weisen alten Mannes: “ Wahrer Mut bedeutet nicht, Leben nehmen zu können, sondern es zu bewahren.“ Diese Worte sagte niemand geringeres als Gandalf der Graue.
 
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